Der Blog Solarmedia widmet sich der Solarenergie und der neuen solaren Weltwirtschaft ... gehört zu «Media for Sustainability» des Ökonomen und Journalisten Guntram Rehsche (siehe auch http://guntram-rehsche.blogspot.ch) ... Beiträge zeitlich geordnet, Stichwort- / Labelsuche in linker Spalte ...
Erste
Schätzungen zeigen, dass der Energieverbrauch der Schweiz 2021
gegenüber dem Vorjahr deutlich zugenommen hat. Diese Schätzungen
publiziert das Bundesamt für Energie erstmals.
Für
das Jahr 2021 wird eine Zunahme des Endenergieverbrauchs der Schweiz
von etwa 6% gegenüber dem Vorjahr erwartet, auf schätzungsweise 791’610
Terajoule (TJ). Die Schätzung zeigt, dass bei allen Energieträgern eine
Zunahme gegenüber dem Jahr 2020 zu erwarten ist. Hauptsächlich zwei
Faktoren sind hierfür verantwortlich: Die weniger stringenten
Restriktionen aufgrund der COVID-19-Pandemie sorgten 2021 für einen
generellen Anstieg des Energieverbrauchs. Die kalte Witterung im letzten
Jahr führte zudem zu einem Anstieg des Verbrauchs der fossilen
Brennstoffe (Heizöl und Gas) und der übrigen Energieträger, die zu
Heizzwecken eingesetzt werden.
Das Bundesamt für Energie (BFE)
publiziert zum ersten Mal eine Schätzung des Endenergieverbrauchs der
Schweiz nach Energieträgern für das Jahr 2021. Das Ziel ist, die
Öffentlichkeit möglichst früh über den Energieverbrauch des Vorjahres zu
informieren.
Die Schätzung des Endenergieverbrauchs ist für fünf Energieträgergruppen vorhanden (siehe dazu auch den Kurzbericht).
Gemäss den provisorischen Zahlen machen die Erdölprodukte (Brenn- und
Treibstoffe) den grössten Anteil (344’480 TJ) am Energieverbrauch aus,
gefolgt von Elektrizität (209’150 TJ) und Gas (121’910 TJ). Unter den
restlichen Energieträgern (83’770 TJ) sind Kohle, Holz, Fernwärme und
Industrieabfälle zusammengefasst. Die übrigen erneuerbaren Energien
(Summe von biogenen Treibstoffen, Biogas, Sonne und Umweltwärme)
erreichen den kleinsten Anteil (32’300 TJ).
Die Schätzung des
Energieverbrauchs basiert auf bereits verfügbaren (provisorischen)
Daten, Trends aus vergangenen Entwicklungen und statistischen
Modellierungen. Diese Schätzung dient als Richtwert, ist provisorisch
und kann nicht für qualifizierte Aussagen verwendet werden. Es ist zu
erwarten, dass die definitiven Werte noch von den Schätzwerten
abweichen, da gewisse Faktoren nicht vollständig erfasst werden können.
Der
definitive Energieverbrauch der Schweiz im Jahr 2021 wird am 23. Juni
2022 zusammen mit einem zusammenfassenden Überblick veröffentlicht. Die
vollständige Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2021 ist ab der
ersten Hälfte Juli 2022 im Internet verfügbar und Anfang August in gedruckter Form erhältlich.
Erica Madonna und Giulia Lechthaler-Felber, Analysen und Perspektiven, Bundesamt für Energie
Für
die Metallisierung von Silicum-Solarzellen sowie vieler anderer
elektronischer Bauteile ist aktuell der Flachbett-Siebdruck das
Standardverfahren. Forschern des Fraunhofer-Instituts für Solare
Energiesysteme ISE ist es nun auf einer gemeinsam mit der ASYS
Automatisierungssysteme GmbH entwickelten neuen Fertigungsanlage
gelungen, den Durchsatz beim Drucken um den Faktor 1,5 zu erhöhen.
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Dazu
wurde erstmalig der Rotationssiebdruck- und das Flexodruckverfahren
eingesetzt. Mit der neuen Anlage realisierte das Forschungsteam eine
Taktzeit von nur 0.6 Sekunden pro Solarzelle. Der neue Prozess kann auch
für den funktionalen Druck im Bereich Wasserstofftechnologie, Sensorik
oder Leistungselektronik eingesetzt werden. Besucherinnen und Besucher
der LOPEC (23.-24.3. 2022, Internationales Congress Center München) 2022
können das Konzept am Messestand des Forschungsinstituts (FO.10)
kennenlernen. »Die Metallisierung per Siebdruck ist
verfahrensbedingt auf einen Durchsatz von aktuell circa 0.9 Sekunden pro
Solarzelle und Spur begrenzt «, begründet Dr. Florian Clement, Leiter
der Abteilung Produktionstechnologie – Strukturierung und Metallisierung
am Fraunhofer ISE das Forschungsinteresse. »Der Druck ist damit ein
Flaschenhals im Produktionsprozess von Silicium-Solarzellen, und auch im
Beschichtungsprozess von Stückgut-Komponenten in vielen anderen
Branchen«. Um den Durchsatz bei der Metallisierung weiter
steigern zu können, entwickelte ein Projektkonsortium um die ASYS
Automatisierungssysteme GmbH und das Fraunhofer ISE deshalb eine
Demonstrator-Anlage für die Hochdurchsatz-Metallisierung von
Silicium-Solarzellen und anderen elektronischen Bauteilen. Im Rahmen
eines Proof of Concept konnten sie nun zeigen, dass sich der Durchsatz
des Druckprozesses um den Faktor 1,5 erhöhen lässt. »Die Anlage hat das
technische Potenzial den Durchsatz im Vergleich zu Siebdruckanlagen zu
verdoppeln,« erklärt Dr. Andreas Lorenz, Projektleiter am Fraunhofer
ISE. Die Anlage verfügt über ein neu entwickeltes
Hochdurchsatz-Transportsystem. Dabei werden die zu beschichtenden
Bauteile auf autonomen »Shuttles« mit hoher Geschwindigkeit und
Präzision durch Druckwerke der Schweizer Maschinenbaufirma Gallus Ferd.
Rüesch AG (Teil der Heidelberger Druckmaschinen AG) transportiert und
mit feinsten Strukturen passgenau beschichtet. Je nach Anforderung kann
ein Rotationssiebdruckwerk oder ein Flexodruckwerk zugeschaltet werden,
weitere Druck- und Beschichtungsverfahren wie Multi-Nozzle Dispensing
und Tiefdruck sind aufgrund der modularen Bauweise ebenfalls
integrierbar. Die möglichen Anwendungsgebiete der neuen Anlage
gehen dabei weit über die Metallisierung von Siliciumsolarzellen hinaus.
Während die überwältigende Mehrheit der Druck- und Beschichtungsanlagen
im Markt nach dem Prinzip »Rund-zu-Rund« arbeitet und damit auf
bahnförmige Substrate beschränkt ist, adressiert diese Anlage die
Hochdurchsatz-Beschichtung von Stückgut-Komponenten wie Solarzellen,
Leiterplatten, Chipkarten und einer Vielzahl weiterer Bauteile.
Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg führen
in aller Deutlichkeit die Problematik einer global vernetzten Welt und
insbesondere der Auslagerung von Schlüsselindustrien vor Augen. Dies
gilt für die Lieferketten fast aller verfügbaren Energien, für fast alle
Konsumgüter und zu einem gewissen Grad auch für die Photovoltaik, bei
deren Herstellung Europa bis vor 10 Jahren noch führend war. Die EU will
die Solarindustrie nun zurück nach Europa holen. Die Schweiz kann und
muss sich an diesem Projekt beteiligen.
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Die EU hat die Problematik als Chance erkannt und
beschlossen, eine aktive Industriepolitik zu betreiben und unter anderem
die Produktion von Solarpanels nach Europa zurückzuholen. Deshalb wurde
in der EU im Jahr 2021 die European Solar Initiative gegründet, für die
Investitionen in der Höhe von 400 Milliarden Euro über den Zeitraum von
dreissig Jahren vorgesehen sind.
Der Forschungsstandort Schweiz kann dazu einen wesentlichen Beitrag
leisten: Nicht wenige Photovoltaikpioniere kommen aus der Schweiz. Ihr
Wissen kam schon zu Beginn auch dem inländischen Werkplatz zugute. Bis
heute kann sich der innovative Geist behaupten. Die Schweiz ist heute
weltweit führend in der zukunftsträchtigen Gebäudeintegration von
Photovoltaik. Nun sind es neben kreativen Forschungsstätten auch
Modulproduzenten, Zubehörentwickler, Architekturschaffende und
Bauherrschaften, welche die Photovoltaik hierzulande weiterentwickeln
und somit auch global vorantreiben. Viele sind Mitglieder von
Swissolar. Die kleine Schweiz kann durchaus ein wichtiger Player im
Wiederaufbau einer europäischen Photovoltaikproduktion sein.
Die Schweiz kann und muss sich am Aufbau einer europäischen Solarindustrie beteiligen: Swissolar begrüsst die Zustimmung des Nationalrats zum Postulat von Nationalrätin Gabriela Suter,
Vizepräsidentin von Swissolar, zur Beteiligung der Schweiz am Aufbau
einer europäischen Solarindustrie: Es ist ein Bekenntnis zu einem
gesamteuropäischen Engagement, die Importabhängigkeit bei Solarmodulen
zu reduzieren. Enttäuscht ist Swissolar allerdings von der kategorischen
Ablehnung industriepolitischer Anreize durch Bundesrat und Nationalrat.
Die Ablehnung ist eine vertane Chance, die Schweizer Position als
Wissens- und Innovationsvorreiterin im PV-Bereich weiter auszubauen und
damit zur Stärkung der europäischen Solarindustrie beizutragen.
Die momentan hohe Abhängigkeit von Modulimporten darf
gleichzeitig kein Grund sein, den raschen Ausbau der Photovoltaik (PV) in der
Schweiz weiter zu verzögern. Denn im Gegensatz zu fossilen
Energieträgern geschieht der Import nur einmalig und nicht während der
Betriebsdauer von rund 30 Jahren oder mehr. Während dieser Zeit trägt
Photovoltaik mittels emissionsfreier Stromproduktion dazu bei, die
heutigen Energieimporte in der Höhe von jährlich rund 8 Milliarden
Franken Jahr für Jahr weiter zu reduzieren. Eine PV-Anlage
produziert in der Schweiz durchschnittlich das 20- bis 25-fache an
Energie, die für ihren Lebenszyklus (Produktion, Betrieb,
Recycling) nötig ist.
Photovoltaik produziert emissionsfreien Strom, Wertschöpfung und Jobs in der Schweiz: Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist hervorzuheben, dass die
Modulkosten, je nach Anlagegrösse, noch 20 bis 40 % der
Investitionskosten ausmachen. Wechselrichter und Tragwerk machen weitere
20 % aus. Ein Teil davon wird bereits heute von Schweizer Unternehmen
produziert. Der ganze Rest, also rund die Hälfte der Investition,
verbleibt als Wertschöpfung (hauptsächlich Planung, Installation,
Wartung) in der Schweiz. Im vergangenen Jahr (2021) entsprach alles
zusammen einem Umsatz von mehr als 500 Millionen Franken, der direkt in
die einheimische Wirtschaft floss – Tendenz steigend. Heute umfasst die
Schweizer Solarbranche bereits rund 7000 Vollzeitstellen und diese Zahl
dürfte sich in den nächsten 10 Jahren verdreifachen. Swissolar arbeitet
deshalb zurzeit am Aufbau einer Berufslehre mit Fokus Solarmontage.
Denn das Ziel ist klar: Bis 2050 muss Schweizer Photovoltaik 45 TWh
Strom im Jahr liefern, also 15-mal mehr als heute. Was es braucht, um
dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat Swissolar kürzlich in einem 11-Punkte-Programm der Schweizer Solarwirtschaft zusammengefasst.
Vor all diesem Hintergrund wenig erstaunlich: Mittlerweile
befürworten alle grossen Schweizer Parteien von links bis rechts
grundsätzlich den massiven Ausbau der Photovoltaik hierzulande.
Swissolar würde es begrüssen, wenn den Worten auch parteiübergreifend –
insbesondere bei der FDP und SVP – mehr Taten folgen.
Die
Frühjahrssession 2022 des Parlaments findet heute Freitag ein Ende. Die 3
Sessionswochen waren geprägt von den Ereignissen in der Ukraine. Die
Auswirkungen des Kriegs auf die Energiemärkte und die
Versorgungssicherheit wurden diskutiert und fanden Eingang in diverse
Anfragen und Vorstösse. Folgend ein Überblick über die
energiepolitischen Geschäfte der Session.
Erste Woche: In der ersten Woche behandelte der Nationalrat die Initiative Für ein gesundes Klima (Gletscher-Initiative).
Sie will die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen der Schweiz bis
2050 auf Netto-Null zu senken und verlangt, dass ab 2050 keine fossilen
Brenn- und Treibstoffe mehr in Verkehr gebracht werden dürfen. Der
Bundesrat legt dem Parlament einen direkten Gegenentwurf vor, welcher am
Ziel festhält aber auf das Verbot verzichtet. Die Grosse Kammer hat die
Initiative mit 99 zu 89 Stimmen zur Ablehnung und den Gegenvorschlag
mit 104 zu 67 Stimmen zur Annahme empfohlen.
Die Motion von Ständerat Matthias Samuel Jauslin (FDP Aargau) «Energieautonomie der Immobilien des Bundes. Fotovoltaik-Offensive»
wurde nun auch im Ständerat angenommen. Der Bundesrat war mit dem
Auftrag einverstanden und die Verwaltung wird sich jetzt an der
Umsetzung machen.
Dritte Woche: Die
dritte Woche der Frühjahrsession war geprägt von der dinglichen Debatte
zum Ukraine-Konflikt. Bundesrätin Simonetta Sommaruga betonte erneut
die Wichtigkeit des Ausbaus der erneuerbaren Energien. «Wir müssen die
Erneuerbaren mit aller Kraft ausbauen, es ist mehr Tempo angesagt. Zudem
müssen wir die Energieverschwendung zurückfahren», sagte sie im Rahmen
der Debatte. Die Rahmenbedingungen dazu seien gut aber die Politik sei
immer noch gefragt. Die Bevölkerung und Wirtschaft seien bereit für den
Energiewandel.
Zusätzlich wurde aus
energiepolitischer Sicht in der dritten Woche die parlamentarische
Initiative von Nationalrat Franz Grüter (SVP Luzern) «Keine Mehrwertsteuern auf Steuern und Abgaben erheben»
diskutiert. Die Initiative wurde mit 105 zu 84 Stimmen angenommen und
an die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats überwiesen.
Die Sommersession beginnt am 30. Mai und dauert bis zum 17. Juni 2022.
Florin Konrad, Hochschulpraktikant Medien & Politik, Bundesamt für Energie - energeiaplus.com
SolarButterfly: Das ist ein solarbetriebenes Wohnmobil in Form eines
riesigen Schmetterlings, der das Elektrofahrzeug, das ihn zieht,
auflädt. Es wird bald auf der Suche nach Projekten und Pionieren gegen
die globale Erwärmung um die Welt reisen.
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Initiator ist der Schweizer
Umweltpionier Louis Palmer, der vor 15 Jahren als erster Mensch die Welt
mit einem solarbetriebenen Auto umrundet hat. Der SolarButterfly und
seine Passagiere werden nun viele der Projekte, die Palmer damals in 90
Ländern gesehen hat, erneut besuchen und darüber berichten, wie sie zu
einer nachhaltigen Zukunft beitragen. Außerdem sollen 1.000 Lösungen in
Sachen Klimawandel identifiziert, aufgezeichnet und veröffentlicht
werden, um Millionen von Menschen zu ähnlichen Massnahmen zu
inspirieren.
Das
speziell von der Hochschule Luzern in der Schweiz entworfene Wohnmobil
ist ein praktisches Beispiel für nachhaltiges Leben ohne
Kohlenstoffemissionen. Eines seiner einzigartigen Merkmale ist, dass
sich sein Dach zu einem großen Solarpaneel (80 m2) oder
«Schmetterlingsflügel» entfaltet, der die Geräte im Inneren mit Strom
versorgt und sogar das Elektroauto, das es zieht, auflädt. Der
SolarButterly (10 m lang und mit hochgeklappten Flügeln 13 m breit) wird
aus hochmodernen Materialien gebaut, darunter Kunststoffabfälle, die im
Meer gesammelt und in einem einzigartigen Verfahren so umgewandelt
werden, dass sie als Hauptbaumaterial für den Butterfly verwendet werden
können. Der SolarButterfly wird derzeit in der Nähe von Luzern in der
Zentralschweiz gebaut.
Für
die zahlreichen Studierenden der Hochschule Luzern, die an dem Projekt
beteiligt waren, gab es von der Konstruktion bis zur Einrichtung viele
Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen. Im Blogbeitrag erfahren Sie mehr darüber. Begleitet
hat die Studierenden Prof. Dr. Stephen Wittkopf, Leiter WIT (Wissens-
und Innovationstransfer) am Departement Technik & Architektur der
Hochschule Luzern, der Ihnen gerne Fragen zum Projekt beantwortet und
Kontakt zu Studierenden herstellen kann, die daran mitgearbeitet haben.
The SolarButterfly is planning to visit more than
1,000 projects that focus on slowing climate change. It will also
create events with the local population, schools and political leaders
involved. The project will be implemented in phases starting with
22,000 kilometers across 32 countries in Europe. According to the
planned route the SolarButterfly will then visit five other continents
finishing in Paris on December 12, 2025, just in time for the tenth
anniversary of the climate agreement. Following Europe (May to November
2022) the SolarButterfly itinerary and time frame will be:
1. Asia March - October 2023 2. Australia November – December 2023 3. North America March 2024 - August 2024. 4. South America August 2024 - November 2024. 5. Africa February 2025 - August 2025 6. Europe August 2025 – December 2025.
Dank Solarenergie kann sich
die Schweiz künftig mit umweltfreundlichem Strom selbst versorgen. Der
geforderte Umbau ist ein Generationenprojekt. Letztlich leisten wir
damit aber einen Beitrag zum Frieden. Übernahme des Textes der Schweizerischen Energie Stiftung.
Von Daniel Bütler & Nils Epprecht* Illustrationen: Tomas Fryscak
Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Angst vor einem russischen
Atomschlag zurück. Als sich die Schweiz in den 1960ern vor einem
Nuklearangriff der Sowjets fürchtete, setzte man auf Bunker. Bis vor
wenigen Jahren mussten Bauherr:innen in ihrem Eigenheim einen Schutzraum
einbauen. Bezahlt aus der eigenen Kasse. So wurde die Schweiz das Land
mit der vermutlich höchsten Bunkerdichte weltweit. Generationen von
Hausbesitzer:innen akzeptierten diese «Zwangsmassnahme» klaglos. Es ging
ja um den Schutz des eigenen Lebens.
Auch wenn das 20. Jahrhundert gerade ein unrühmliches Comeback
feiert, bleibt die Klimakrise die grösste Herausforderung des 21.
Jahrhunderts. Drei Viertel der Schweizer Treibhausgasemissionen stammen
aus dem Verbrennen fossiler Energieträger – zum Heizen, für Verkehr und
Industrie. Das entscheidende Mittel, um Treibhausgasemissionen zu
vermeiden, sind erneuerbare Energien, beispielsweise in Form von
Photovoltaik. Rund 15’000 Franken kostet eine Solaranlage auf einem
Einfamilienhaus. Gleich viel wie ein Schutzraum.
Solarenergie in der Pole-Position
Um die Treibhausgasemissionen auf null zu reduzieren, brauchen wir
neue Kapazitäten, beispielsweise, um den Verkehr zu elektrifizieren.
Hinzu kommt, dass der wegfallende Atomstrom ersetzt werden muss und es
unsicher ist, wie viel Strom die Schweiz künftig importieren kann. Die
Dimensionen des notwendigen Umbaus sind gewaltig. Eine Greenpeace-Studie
zur Dekarbonisierung unseres Energiesystems zeigt: Um das Ziel einer
maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad zu unterstützen, muss die Schweiz
bis 2035 Kapazitäten von 35 bis 45 Terawattstunden (TWh: Milliarden
Kilowattstunden) neu bauen. Zum Vergleich: 2020 verbrauchte das Land
rund 56 TWh Strom.
In der Pole-Position steht die Solarenergie. Sie kann viel schneller
als alle anderen Energieformen installiert werden und ist heute bei
Neuanlagen schon am günstigsten. Bei der Wasserkraft gilt das Potenzial
als praktisch ausgeschöpft. Neue Wasserkraftwerke bedeuten immer einen
grösseren Eingriff in die Natur und können der Biodiversität schaden.
Für Windkraft sind die engräumigen Verhältnisse in der Schweiz nicht
ideal, was immer wieder zu politischem Widerstand führt.
Die Angst vor der Atombombe
Mit politischem Widerstand gegen Energieprojekte kennt sich die
Schweiz aus. Gegen Talsperren und insbesondere gegen Atomkraftwerke kam
es vor über 50 Jahren zu Massenprotesten. Die Gründung der umwelt-
wie auch der friedenspolitischen Bewegungen gehen auf denselben Urmoment
zurück, wie das Schweizer Bunkerobligatorium: die sowjetische
Atombombe. 1953 musste der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower in
einer Rede vor der UN-Vollversammlung eingestehen: «Das schreckliche
Geheimnis und die furchterregenden Maschinen der Atommacht gehören nicht
uns allein.» Die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki hatten
acht Jahre zuvor den zweiten Weltkrieg beendet und den Startschuss für
das nukleare Wettrüsten zwischen Ost und West gegeben. Eisenhower
suchte nach einem neuen Weg, um den USA möglichst umfassende Kontrolle
über die Atomtechnologie zu sichern. «Es reicht nicht aus, die Waffe
aus den Händen der Soldaten zu nehmen. Sie muss in die Hände derer
gelegt werden, die es verstehen, ihre militärische Hülle abzustreifen
und sie den Künsten des Friedens anzupassen», schlug er deshalb vor.
Unter der Schirmherrschaft einer Atomenergieagentur der Vereinten
Nationen und damit unter penibler Kontrolle der USA sollte dem
sowjetischen und potenziellen weiteren Atomwaffenprogrammen der
Nährboden entzogen werden, indem spaltbares Material der zivilen
Stromproduktion zugeführt wurde. Die Idee Atoms for Peace war geboren.
Dem Solarausbau stehen Hürden im Weg
Die Ölkrisen in den 1970ern halfen mit, die Atomkraft als
beständige Energiequelle zu etablieren. In der Schweiz zeigte sich dies
durch den Bau der AKW Gösgen und Leibstadt. Spätestens seit den 1990ern
setzten die Atompromotor:innen auf ein weiteres Argument: die
Atomenergie als klimafreundliche Energie.
Das Narrativ feiert dieser Tage und Wochen gerade seine x-te
Renaissance. Atomenergie weist zwar eine relativ gute CO2-Bilanz auf,
doch die gesamte Umweltbilanz und die Langzeitrisiken sind verheerend.
Ausserdem ist sie viel teurer als erneuerbare Energie. Daher weisen
Schweizer Energieunternehmen den Bau neuer AKW weit von sich. Genau wie
die zuständige Ständeratskommission. Auch bürgerliche Politiker:innen
sind skeptisch. Der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller sagt: «Wer von
einem möglichen AKW-Neubau redet, verkennt die Meinung von Expertinnen
und Betreibern. Sie raten aktuell davon ab, weil ein Neubau zu spät käme
und zu teuer wäre.» Stattdessen solle man den Ausbau der erneuerbaren
Energien vorantreiben.
Das hat die Schweiz auch per Volksabstimmung beschlossen. 2017
sagte die Mehrheit Ja zur Energiewende. Doch beim Ausbau der neuen
erneuerbaren Energien Solar und Wind liegt die Schweiz europaweit im
Hintertreffen. Der Anteil von Solarenergie an der gesamten
Stromproduktion beträgt knapp 5 %. Windenergie ist praktisch inexistent.
«Vor 2017 fehlte schlicht der Wille zum Ausbau der neuen
Erneuerbaren. Man glaubte, man könne notfalls neue AKW bauen», sagt
Nadine Masshardt, Berner SP-Nationalrätin und Präsidentin des
Stiftungsrats der SES. Die Politik habe sich bisher zu wenig
ambitionierte Ziele gesetzt, konstatiert Felix Nipkow, Co-Leiter Klima
und erneuerbare Energien bei der SES: «Zudem gab es aus der Strombranche
Widerstand, weil man Solarenergie als Konkurrenz betrachtete.» Das habe
sich geändert, sagt Masshardt: «Heute ist der Wunsch zum Ausbau da.
Aber immer, wenn es konkret wird, hapert es an allen Enden.» Für die
Dekarbonisierung bis 2035 muss die Produktion von Solarstrom um den
Faktor 12 bis 17 erhöht werden. Der jährliche Zubau sollte sich dafür
verfünffachen.
Zentral sind dabei die Gebäude. Auf Dächern und Fassaden könnten
gemäss Berechnungen des Bundesamts für Energie Solarpanels mit einer
Produktion von bis zu 67 TWh montiert werden. Heute werden erst 4 % der
Gebäudeflächen dafür genutzt. In der Vergangenheit bremsten lange
Wartefristen bei den Unterstützungsbeiträgen den Solarausbau. Und noch
immer rechnet sich die Solarstromproduktion nur für den Eigenverbrauch,
nicht aber zum Einspeisen ins Netz, weil viele Stromversorger schlicht
zu wenig bezahlen.
Energiegemeinschaften fördern
Damit mehr Solaranlagen an Gebäuden montiert werden, braucht es
Investitionssicherheit, findet die SES. Doch der Bund macht das
Gegenteil. Gemäss dem Entwurf zum neuen Energieversorgungsgesetz werden
kleinere Solaranlagen noch unrentabler. Die SES fordert, dass es
künftig eine garantierte Untergrenze beim Preis für Solarstrom aus
kleinen und mittelgrossen Anlagen gibt. Das Parlament muss das Gesetz
hier nachbessern.
Bremsend wirkt zudem, dass die Netzbetreiber:innen die vollen
Netzgebühren verrechnen, wenn Private Solarstrom lokal handeln möchten.
«Für den Stromhandel unter Nachbar:innen braucht es einen Lokaltarif»,
fordert David Stickelberger vom Branchenverband Swissolar. So könne man
Energiegemeinschaften fördern. Österreich habe das eingeführt, seither
boome der lokale Solarstromhandel. «Grundsätzlich braucht es für den
Ausbau der Solarenergie mehr finanzielle Unterstützung und eine
Pflicht», so Stickelberger weiter.
Für Jürg Rohrer, Professor für erneuerbare Energien an der
ZHAW, lautet die entscheidende Frage: «Sind wir bereit,
Gebäudebesitzer:innen zu verpflichten, ihr Dach mit einer
Photovoltaikanlage auszurüsten?» Ein Solarstandard für Neubauten, das
Pendant zum Bunkerobligatorium, wird auf Bundesebene diskutiert. Und er
scheint mehrheitsfähig. Eine entsprechende Motion von Jacques Bourgeois
(FDP) wurde im Nationalrat fast einstimmig angenommen. Trotzdem hat der
Bundesrat das Anliegen in seinem Gesetzesentwurf zur Beschleunigung der
Verfahren im Energiebereich (noch?) nicht übernommen.
Mit Solaranlagen an Gebäuden wird sich vermutlich nicht der ganze
notwendige Zubau stemmen lassen. Genutzt werden können auch Strassen,
Parkplätze, Autobahnböschungen und Lärmschutzwände. Panels lassen sich
zudem auf freiem Feld installieren. «Wir müssen uns von der Idee
verabschieden, dass Solarmodule in der freien Landschaft zwangsläufig
negative Effekte haben», sagt Solarexperte Jürg Rohrer. Studien würden
zeigen, dass sie sogar die Biodiversität fördern könnten. Rohrer
plädiert dafür, auf Freiflächen im Berggebiet Solaranlagen zu
erstellen. Hier liesse sich gerade im Winter viel Strom erzeugen.
Gegen solche Anlagen ist Widerstand programmiert. Generell sind
Zielkonflikte bei einer grossen Solaroffensive unvermeidbar. Widerstand
dürfte von der Hauseigentümerlobby und vom Heimat- oder
Landschaftsschutz kommen. Und von den Fossilverbänden. Denn die
Solarenergie ist das Paradebeispiel dafür, dass sich die Erneuerbaren
vom Nischenprodukt für Freaks zur Bedrohung für die fossile Wirtschaft
entwickelt haben. Der Widerstand gegen die Energiewende wird längst
professionell organisiert und ist mittlerweile auch in gewissen
Parteiprogrammen zuoberst angekommen. Sogar das nüchterne Bundesamt
für Energie sah sich kürzlich dazu genötigt, eine Studie
herauszugeben, in der Vorurteile gegenüber der Solarenergie
wissenschaftlich entkräftet werden.
International sieht das nicht anders aus: Die Klima- und die
Energiepolitik sind nicht erst seit der Konkurs gegangenen Nord Stream 2
zum Spielball nationaler Partikularinteressen geworden. An der letzten
Klimakonferenz in Glasgow konnte beobachtet werden, wie schwer sich
China und die USA taten, angesichts grosser geopolitischer Differenzen
einen gemeinsamen Nenner in der Klimapolitik zu finden.
Mit Atoms for Peace lancierte Eisenhower vor fast 70 Jahren bereits
einmal einen – allerdings schlecht getarnten – Vorschlag, die Geopolitik
zugunsten der Energiepolitik hintenanzustellen. Atomare Friedenspolitik
hat seither Tradition. So war das von Michail Gorbatschow, Ronald
Reagan und François Mitterrand 1985 lancierte Kernfusionsprojekt ITER
Sinnbild für die Annäherung zwischen Ost und West. Dass das Projekt im
südfranzösischen Cadarache auch 37 Jahre später noch nicht fertig
gebaut ist, ist völlig zweitrangig.
Gute Klimapolitik schafft Frieden
Doch just einer von Mitterrands Nachfolgern, der aktuelle
französische Präsident Emmanuel Macron, liess Eisenhowers Bluff Ende
2020 ganz offiziell auffliegen: «Die Kernenergie wird weiterhin der
Eckpfeiler unserer strategischen Autonomie sein. Sie dient der
Abschreckung in verschiedenen Formen, dem Antrieb unserer Atom-U-Boote,
für unsere Trägerraketen und für den nuklearen Antrieb unserer
Flugzeugträger», sagte er in einer denkwürdigen Rede anlässlich eines
Besuchs in der Nuklearschmiede Le Creusot.
Doch im Unterschied zum Kalten Krieg hilft gegen die Klimakrise
keine Friedenspolitik, sondern nur die rasche Dekarbonisierung.
Umgekehrt gilt jedoch sehr wohl, dass gute Klimapolitik zur
Friedenspolitik wird: «Denn Frieden schaffen, heisst nicht nur Gewalt
verhindern oder sie abwehren, wenn die Konflikte bereits eskalieren […].
Frieden schaffen heisst auch vorausschauen und dafür sorgen, dass
Grundbedürfnisse […] erfüllt werden, auch die berechtigten Ansprüche
auf Energie. […] Versorgungssicherheit bedeutet also viel mehr als die
Sicherheit, dass das Licht angeht, wenn wir den Schalter drehen. […]
Eine Energieversorgung, welche den Lebensraum anderer wahrt und so
gewalttätige Konflikte vermeidet, ist langfristig wirtschaftlich
rentabel und dient dem globalen Frieden.» Diese Passage aus einem 2009
gehaltenen Referat des damaligen Bundesrats Moritz Leuenberger ist noch
immer brandaktuell. Das gilt für den Ukraine-Krieg, in der die
Energieabhängigkeit Europas eine zentrale Rolle spielt. Das gilt aber
erst recht angesichts steigender Meeresspiegel, Dürren und
Naturkatastrophen, die dazu führen, dass Millionen von Menschen ihre
Lebensgrundlagen verlieren und zur Flucht gezwungen werden. Der Konflikt
von morgen, dessen Nährboden wir heute mit dem fortschreitenden
Klimawandel gerade legen.
Es wird Zeit für einen echten energiepolitischen Friedensbeitrag:
Solar for Peace! So wie wir einst Bunker bauten, müssen wir nun
Solarpanels installieren.
*Die Autoren
Daniel Bütler Freischaffender Journalist und Texter in Zürich.