Mittwoch, 6. Juli 2022

Atom und Gas - grüne Energie - Ernst jetzt?

Man könnte ja gelassen bleiben angesichts der heutigen Entscheidung der EU, den fossil-nuklearen Atomträgern Gas und Atom ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Denn nach wie vor gilt, die Atomtechnologie ist zu teuer, zu gefährlich, kommt zu spät und aufs ganze gesehen (Gesamtenergieanteil weltweit nur zwei bis drei Prozent) auch zu unbedeutend, als dass man nun den grossen Ausbau erwarten müsste. Aber es gilt eben auch: In unsicheren Zeiten wie diesen sind wir nicht gefeit vor gigantischen Fehlentscheiden. Zum EU-Beschluss die folgenden Anmerkungen.

Die Schweizerische Energie Stiftung SES hat in einer Medienmitteilung bereits Stellung bezogen. Darin heisst es unter anderem: Die aktuelle Energiekrise in Europa hat zwei wesentliche Ursachen: Ausbleibende Gaslieferungen aus Russland und ungeplante AKW-Ausfälle in Frankreich. Das EU-Parlament hat heute trotzdem entschieden, genau diese beiden Stromerzeugungstechnologien auf die Liste nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten zu setzen – gegen die Empfehlung seiner parlamentarischen Komitees für Wirtschaft und Umwelt und in Widerspruch zu Expert:innen-Gutachten. 

Die energiepolitischen Folgen dieser Entscheidung sind noch nicht abzusehen. Sicher ist, dass die gegenwärtige Krise der Atomstrom- und Gasversorgung nicht mit weiteren Investitionen in die brennstoffgetriebene Energieversorgung überwunden werden kann. Fabian Lüscher, Leiter des Fachbereichs Atomenergie bei der SES stellt fest: «Atomkraftwerke und Gaskraftwerke stellen die grössten Klumpenrisiken der europäischen Stromversorgung dar.» Es gilt sowohl für die EU als auch die Schweiz, Abhängigkeiten rasch zu reduzieren. Zentral ist dabei der Ausbau der dezentralen, intelligenten und erneuerbaren Stromproduktion. Gas- und Atomstrom sind die Ursache und nicht die Lösung der Energiekrise. Dieser Krise kann mit gezielten Massnahmen im Bereich erneuerbarer Energien begegnet werden. Eine Entwertung der europäischen Nachhaltigkeitstaxonomie durch die Inklusion von Gas- und Atomkraftwerken ist hingegen kontraproduktiv. 

Weiterhin gilt auch, was der deutsche Arm von Greenpeace schon zu Jahresbeginn schrieb

  1. Im Kampf gegen die Klimakrise spielen Atomkraftwerke keine Rolle
    Keine Energie ist gefährlicher und teurer als Atomenergie. Ihr Beitrag zur weltweiten Energiegewinnung ist mit zwei bis drei Prozent äußerst gering und könnte kurzfristig bis 2035 auch nicht mehr relevant erhöht werden. Selbst in Ländern wie den USA und Frankreich, die stark auf Atomenergie setzen, ist Atomenergie ein Auslaufmodell: Die Anlagen überschreiten ihre geplante Laufzeit, und es gibt kaum Neubauten.

  2. Atomkraft ist alles andere als eine zuverlässige Energiequelle
    Schon vor Jahren abgeschaltete Kraftwerke wie Brunsbüttel und Krümmel waren über lange Zeit nicht am Netz, weil es Brände oder andere Pannen gab. Frankreich musste in der Vergangenheit Energie aus Deutschland beziehen, weil viele seiner Atomkraftwerke keinen Strom lieferten, auch ganz aktuell kämpft das Nachbarland mit etlichen Ausfällen. Die vermeintlichen Stromlücken bei Erneuerbaren Energien sind dagegen ein Mythos: Man darf bei der regenerativen Energie nicht in einzelnen Kraftwerken denken. Es geht vielmehr um ein dezentrales, gut ausgebautes Netz mit präzisen Windprognosen und bestmöglichen Berechnungen über den Energieertrag. Um das zu schaffen, muss allerdings die Energiewende vorangetrieben werden; sie ist alternativlos, damit wir die deutschen und europäischen Klimaziele erreichen: Jeder Euro, der jetzt in Atomkraft fließt, fehlt.

  3. Neue Technologien machen Atomkraft weder sauberer noch sicherer
    Kleinere Atomreaktoren, sogenannte “small module reactors” (SMR) werden manchmal als Fortschritt in der Atomtechnologie verkauft, da sie angeblich geringere Risiken bergen. Will man jedoch die gleiche Menge Energie erzeugen, summieren sich – durch die wesentliche größere Anzahl von Kraftwerken – auch die Gefahren. Bei einer Kernspaltung entsteht unabhängig vom Reaktorkonzept Strahlung und radioaktiver Abfall, das lässt sich auch mit kleineren Reaktoren nicht wegdiskutieren. Also ist auch diese Form der Energieerzeugung zu gefährlich; wirtschaftlich ist es weit günstiger auf Erneuerbare zu setzen.


  4. Die Frage nach sicheren Endlagern ist nicht gelöst
    Auch nach siebzig Jahren zivil genutzter Atomkraft weiß niemand, was mit dem strahlenden Müll letztlich passieren soll. Brennstäbe, die mehr als eine Million Jahre für Menschen und Tiere gesundheitsgefährdend bleiben, müssten hunderte von Metern unter der Erde lagern, aber bislang gibt es kein einziges fertiges Endlager weltweit!

  5. Das Risiko ist zu groß
    Man mag es angesichts der Zerstörung kaum glauben, aber Tschernobyl und Fukushima waren keineswegs die schlimmsten Atomkatastrophen, die denkbar sind. Trotzdem sind dabei Gebiete über Generationen unbewohnbar geworden. Zudem wird die Gefahr eines gezielten terroristischen Angriffs auf Atomanlagen unterschätzt. Gerade die überalterten europäischen AKW entsprechen vielerorts nicht mehr höchsten Sicherheitsstandards.

     

    Zusammenstellung: © Solarmedia Guntram Rehsche

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PV weiter benachteiligt

Mit einer Revision verschiedener Verordnungen im Energiebereich setzt der Bundesrat Beschlüsse des Parlaments um. Allerdings ist die Ausgestaltung der vorgesehenen Auktionen für grosse Solaranlagen sowie der Vergütungssätze für Photovoltaik-Anlagen nicht zielführend. Der Bundesrat ist aufgefordert, nachzubessern, so dass die Investitionsrisiken für Photovoltaik minimiert und die Investitionssicherheit garantiert werden kann. Nachstehend die Vernehmlassungsantwort der Schweizerischen Energie Stiftung SES in der Zusammenfassung.

Grossanlagen in der Schweiz sind immer noch
praktisch unmöglich zu realisieren

Mit der parlamentarischen Initiative Girod hat das Parlament Änderungen im Energiegesetz beschlossen, unter anderem die Einführung von Auktionen für grosse Solaranlagen. Die Vernehmlassung für die zugehörigen Verordnungen dauert bis am 8. Juli 2022. Die SES hat diese Verordnungen geprüft und ihre Empfehlungen beim UVEK eingereicht.

Auktionsdesign ist unzureichend: Die in der Energieförderverordnung EnFV vorgeschlagenen Auktionen bedürfen einer gründlichen Überarbeitung, bevor wir sie unterstützen können. Vorgesehen ist, dass alle grösseren PV-Projekte um den Zuschlag für eine Einmalvergütung konkurrieren und der Gebotspreis das einzige Kriterium zur Vergabe der Zuschläge ist. So werden realistischerweise nur einzelne Grossprojekte von der finanziellen Unterstützung profitieren können, während kleinere Projekte faktisch keine Förderung mehr erhalten werden. Folgende Änderungen im Auktionsdesign sind deshalb zentral:

  • Es sollen nur Projekte ab einer Leistung von 500 kWp an den Auktionen teilnehmen müssen
  • Es sollen separate Auktionen für verschiedene Anlagengrössen und -typen (z.B. grosse Fassadenanlagen, Anlagen mit einem hohen Winterstromanteil und innovative Projekte an Lärmschutzwänden, auf Stauseen oder über Parkplätzen) durchgeführt werden
  • Das BFE soll die auktionierten Volumina, Gebotshöchstwerte und Termine der Auktionsrunde frühzeitig bekanntgeben, um mehr Planungssicherheit für die Branche zu schaffen.
Photovoltaik wird benachteiligt: Die angepassten Vergütungssätze in der EnFV zeigen: Die Photovoltaik erhält am wenigsten Geld pro zusätzliche Kilowattstunde. Das ist schwer verständlich und im Widerspruch zum erklärten Ziel, die Mittel aus dem Netzzuschlagsfonds effizient einzusetzen. Statt billige PV-Anlagen zu fördern, werden diese Kilowattstunden durch Förderungen anderer Technologien mit teils deutlich höheren externen Kosten, z.B. durch Schäden an Natur und Landschaft, verdrängt. Das entspricht nicht dem Willen des Parlaments. Insbesondere die teure Förderung der Wasserkraft ohne Winterstromkomponente bindet zu viel Mittel.

Effizienzanforderungen werden begrüsst: Hingegen begrüssen wir die Änderungen betreffend die Energieetikette in der Energieeinsparverordnung EnEV. Insbesondere unterstützen wir die Verschärfung der Mindestanforderungen an der Energieeffizienz von Produkten und die neuen Energieeffizienz-Kriterien an Produkte, die noch nicht reglementiert sind (gewerbliche Küchengeräte).

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Dienstag, 5. Juli 2022

Erneuerbare Energien für französische AKW

Im ersten Halbjahr 2022 hat Deutschland massiv Strom nach Frankreich exportiert. Das ergab eine BEE-Analyse der Exportverläufe der letzten sechs Jahre.

„Technisch bedingte Ausfälle und zuletzt auch die warmen Temperaturen haben der vermeintlich zuverlässigen Atomkraft stark zugesetzt“, so BEE-Präsidentin Dr. Simone Peter. „Jetzt müssen Erneuerbare-Energien-Anlagen aus Deutschland den angeschlagenen Atomkraftwerken verstärkt unter die Arme greifen und Strom nach Frankreich liefern.“

Die überdurchschnittlich hohen Temperaturen haben dazu geführt, dass sich die Gewässer in Frankreich aufgewärmt haben. Zahlreiche Kernkraftwerke in Frankreich mussten daraufhin ihre Leistung herunterfahren, da sie ihre Reaktoren nicht mehr weit genug herunterkühlen konnten. Schon zuvor war eine große Anzahl von Atomanlagen wegen technischer Probleme nicht am Netz. Die Kombination innerhalb eines alten Kraftwerksparkes bedingt, dass derzeit etwa die Hälfte der französischen Meiler abgeschaltet sind.

„Die heißen Monate haben nicht einmal begonnen und die Kernkraftwerke in Frankreich haben schon massive Probleme, ihre Leistung aufrechtzuerhalten. Die kommenden Sommermonate und langfristig die steigenden Temperaturen aufgrund der Klimakrise werden diese Situation verschärfen“, so Peter. „Die Einzigen, die in der aktuellen Situation zuverlässig, günstig und klimafreundlichen Strom liefern, sind die Erneuerbaren.“

„In der im Zuge der Gaskrise wieder aufgewärmten Debatte über den Atomausstieg wird hierzulande immer noch so getan, als sei die Atomenergie ein Garant für eine sichere Stromversorgung. Aber auch in Deutschland müssten AKW einen Sicherheitscheck durchlaufen, produzieren hochradioaktiven Abfall, für dessen Entsorgung es noch keine Lösung gibt und auch die Hälfte der Brennmaterialien stammt aus Russland. Damit ersetzen wir russisches Gas durch russisches Uran. Deutschland tut also gut daran, aus dieser unzuverlässigen und riskanten Technologie auszusteigen und stattdessen in den Erneuerbaren-Energiemix zu investieren.“

„Wind, Wasser, Sonne, Geothermie und Bioenergie liefern gerade in der aktuellen Energiekrise der fossilen Energieträger zuverlässig, sauber und bezahlbar Energie für alle Sektoren. Durch sie erlangen wir die Souveränität über unsere Energieversorgung zurück, sie sind der einzige Weg aus der Krise. Die Situation in Frankreich zeigt, wie falsch die Debatte über ein Revival der Atomkraft in Deutschland ist.“

Quelle: Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) 2022

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Montag, 4. Juli 2022

Verfechter Solarenergie sind keine Ideologen

Derzeit ist es offenbar «in», dass sich sogar Chefredaktoren grosser Schweizer Medien an der aktuellen Energiepolitik abarbeiten. So unter anderem auch der oberste Chef aller Redaktionen bei der TA Media AG. Auf seinen Kommentar im Tages-Anzeiger von Samstag (2. Juli 2022) antwortet David Stickelberger, Geschäftsleiter Swissolar in einer Veröffentlichung von Montag - nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben.

Arthur Rutishauser bezeichnet die Verfechter der Solarenergie als Ideologen und fordert einen Mix aus verschiedenen Energieträgern. Zu diesen zählt er Wasserstoff und klimaneutrale Gase, ohne zu sagen, dass diese aus Solar- oder Windenenergie erzeugt werden müssen. Und es bringt viel, auf allen Häusern Solarpanels zu installieren: Auf den geeigneten Dach- und Fassadenflächen der Schweiz liesse sich mehr Strom erzeugen, als wir zurzeit verbrauchen. 

Auch seine Aussage zur mangelnden Solarproduktion im Februar und März ist haltlos: Vom Januar bis April dieses Jahres produzierten die Solaranlagen der Schweiz 1 Milliarde Kilowattstunden, gegenüber insgesamt 2.8 Milliarden im ganzen Jahr 2021. Dies zeigt einerseits den raschen Zubau, andererseits den bereits heute hohen Winteranteil, obwohl noch keine hochalpinen Anlagen stehen. Die Photovoltaik trägt aber auch indirekt zur Versorgungssicherheit im Winter bei: Die Stauseen haben ihren Tiefststand jeweils Ende März, und dies ist auch der kritischste Zeitpunkt für unsere Stromversorgung. Dank mehr Solarstrom können unsere Wasserkraftreserven für diesen Moment aufgespart werden. Fazit: Es braucht nicht nur Solarenergie, aber ohne diese geht gar nichts.

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Donnerstag, 30. Juni 2022

PV: tragende Säule der Stromversorgung

Das Bundesamt für Energie (BFE) hat den Vorabzug der Schweizerischen Statistik der Erneuerbaren Energien, Ausgabe 2021 veröffentlicht. Sie zeigt, dass 2021 eine Photovoltaik Leistung von 705 Megawatt (MW) verkauft wurde. Das ist ein neuer Jahres-Zubau-Rekord. Insgesamt sind in der Schweiz nun 3’650 MW Leistung installiert. Das entspricht einer Modulfläche von etwa 3’000 Fussballfeldern oder 20 Millionen Quadratmetern. 

Gegenüber 2019 hat sich der Zubau mehr als verdoppelt und gegenüber 2017 sogar fast verdreifacht. Im laufenden Jahr 2022 scheint sich das starke Wachstum fortzusetzen: Erwartet wird ein Zubau von etwa 900 MW. Die folgende Grafik illustriert den Boom der Photovoltaik in der Schweiz in den letzten Jahren. Insbesondere seit 2020 hat sich der Markt sehr stark beschleunigt.

Grafik: Jährlicher Zubau an PV-Leistung in der Schweiz (Quelle: BFE)

Kontext «Installierte Leistung pro Kopf»: Bei der pro Kopf installierten Leistung liegt die Schweiz im europäischen Vergleich auf dem vierten Platz nach den Niederlanden, Deutschland und Belgien (siehe nachfolgende Grafik). Ende 2021 war in der Schweiz pro Kopf doppelt so viel Photovoltaikleistung installiert wie in Frankreich, je 40% mehr wie in Österreich und in Spanien sowie 10% mehr wie in Italien.

Kontext «Stromproduktion»: Im Mittel der letzten 10 Jahre haben die in der Schweiz installierten PV-Anlagen etwa 960 kWh Elektrizität pro Kilowatt (kW) installierte Leistung produziert. Daraus folgt, dass mit der Ende 2021 in der Schweiz installierten PV-Leistung von 3’650 MW pro Jahr über 3.5 Terawattstunden (TWh) Strom produziert werden kann. Zum Vergleich: 2021 produzierte Block 1 des Kernkraftwerks Beznau rund 3 TWh Strom. Diese über 3.5 TWh decken nun also bereits 6% des mittleren Schweizer Stromendverbrauchs.

Kontext «Ausbauziele Bund»: Auch in Bezug auf die Ausbauziele des Bundes ist die Entwicklung der Photovoltaik auf Kurs. Im Bundesgesetz für eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien (derzeit in parlamentarischer Beratung) hatte der Bundesrat dem Parlament 2021 vorgeschlagen, dass im Jahr 2035 jährlich 17 TWh Strom aus erneuerbaren Energien produziert werden sollen, davon 14 TWh aus Photovoltaik. Damit können dann über 20% des Schweizer Stromendverbrauchs (gemäss Energieperspektiven 2050+) gedeckt werden. Mit dem aktuellen Zubauniveau kann dieses Ziel sicher erreicht werden. Denn dafür wäre in der Periode 2021 bis 2035 ein jährlicher Zubau von 750 MW nötig, der mit 705 MW bereits im ersten Jahr (2021) dieser Periode schon fast erreicht wurde.

2022 wird das notwendige Zubauniveau voraussichtlich deutlich übertroffen und 2023 ist mit einer weiteren Steigerung zu rechnen. Denn 2023 wird das neue Förderinstrument der hohen Einmalvergütung für Anlagen ohne Eigenverbrauch eingeführt. Dieses erschliesst zusätzliches Solarpotenzial: Grosse Anlagen auf Dächern von Gebäuden mit wenig Stromverbrauch (z.B. Scheunen oder Lagerhallen) oder auf Infrastrukturen. Solche Anlagen können neu mit einer Einmalvergütung von bis zu 60% gefördert werden.

Aufgrund der aktuellen Marktdynamik und des neuen Förderinstruments rechnet das Bundesamt für Energie damit, dass in wenigen Jahren jährlich über 1 Gigawatt (GW) PV-Leistung zugebaut wird. Damit würde das vom Bundesrat vorgeschlagene Ziel für 2035 deutlich übertroffen und gegen 30% unseres Stromendverbrauchs könnte dann mit PV gedeckt werden. Die Photovoltaik wird damit zu einer soliden Säule der Schweizer Stromversorgung.

Wieland Hintz, Verantwortlicher Solarenergie, Bundesamt für Energie
Bild: Shutterstock

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Dienstag, 28. Juni 2022

Überraschung: Sonne und Wasser genügen

Wieviel und vor allem zu welchen Kosten kann Solarstrom – in Kombination mit Batterien und der flexiblen Wasserkraft – zur inländischen Stromproduktion beitragen? Das hat die Meteotest AG in der Studie «Firm PV power generation for Switzerland (FiPPS)» in verschiedenen Szenarien untersucht. Überraschendes Ergebnis: Wenn die Photovoltaik überdimensioniert ausgebaut würde, mit entsprechenden abregelbaren Stromüberschüssen im Sommer, könnte sie zusammen mit der inländischen Wasserkraftproduktion und in einer optimalen Kombination mit Batterien die Stromversorgung der Schweiz übers ganz Jahr sicherstellen. Dies bei Stromproduktionskosten im Schweizer Netz von 6 bis 8 Rappen pro Kilowattstunde. Die Studie wurde im Rahmen des Forschungsprogramms Photovoltaik des Bundesamts für Energie durchgeführt.

Die gängigen Vorurteile gegenüber Photovoltaik (PV) sind bekannt: Die Stromproduktion aus Photovoltaik sei zeitlich nicht kontrollierbar, die Nutzung erfordere grosse zusätzliche Speicherkapazitäten und darum könne PV keinen grossen Beitrag zur Stromversorgungssicherheit leisten. Ausserdem sei das alles sehr teuer.

Dass dem nicht so ist, zeigt unter anderem eine kürzlich fertiggestellte Studie der Berner Firma Meteotest in Zusammenarbeit mit amerikanischen Partnern (Clean Power Research und State University of New York at Albany). Das Schlagwort lautet «Firm PV Power». Gemeint ist damit PV-Strom, der sozusagen ganzjährig garantiert verfügbar ist, sei es direkt produziert und genutzt oder als zwischengespeicherter Strom. Die Studie zeigt auf, wie PV in der Schweiz einen effektiven und wirtschaftlichen Beitrag zur zukünftigen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien (EE) leisten kann. Unter Einbezug der flexiblen Wasserkraftressourcen wurde die optimalen PV-/Batteriekonfigurationen analysiert, um damit den wachsenden Strombedarf des Landes für jede Stunde des Jahres zu den geringstmöglichen Kosten decken zu können. Dies bei einem vollständigen Verzicht auf die Stromerzeugung aus Kernkraft.

Wir untersuchten 24 Szenarien mit hohem EE-Anteil, bei denen PV und Wasserkraft den Grossteil des Strombedarfs des Landes decken würden. Die Szenarien basieren auf den Energieperspektiven 2050+. Sie unterschieden sich vor allem bezüglich des Imports von Strom und den Batterie- und PV-Gestehungskosten, bei denen es grosse Unsicherheiten bezüglich der Preisniveaus für 2050 gibt. Die Modellierung basiert auf den Stundenwerten der Stromproduktion und -last der Jahre 2018-2020.

Da die Speicherung von Strom auch etwas kostet und teurer ist als die Produktion mit PV, gibt es ein Optimum zwischen dem Zubau zusätzlicher Speicher und einer Überdimensionierung von PV. Die Studie geht daher davon aus, dass ein Teil der PV-Produktion nicht direkt genutzt wird und abgeregelt werden muss. Unsere Analyse zeigt, dass je nach Szenario optimalerweise zwischen 10–20% der Energie der PV-Anlagen abgeregelt würden. Bei Szenarien mit nur wenig Import wäre eine höhere Abregelung nötig. 10–20% der Energie abregeln bedeutet, dass die maximale Spitzelleistung der PV-Anlagen um etwa 40–50% gesenkt würde.

Abhängig von zukünftigen Kostenprognosen für PV und Batterien und je nach Grösse des Beitrags von inländischen oder importierten regelbaren Ressourcen zeigen wir in unserer Studie, dass die Stromproduktionskosten in diesen Szenarien im Schweizer Netz bei 6 bis 8 Rappen pro kWh liegen würden. Dies entspricht in etwa den Marktpreisen bis Mitte 2021 und liegt weit unter den gegenwärtigen Marktpreisen.

Auch die Szenarien ohne oder mit nur geringfügigen Importen – entweder von Strom oder von synthetischen Energieträgern (E-Fuels) – zeigen nur geringfügig höhere Kosten, dies aufgrund des zentralen Elements der Überdimensionierung und der Abregelungen von PV. Unsere Analysen zeigen, dass das Konzept der PV-Überdimensionierung mit Abregelung ein guter Ansatz ist, um die Energiewende effizient zu gestalten. So wird auch das Energie-Trilemma –Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit – deutlich entschärft.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Das Szenario für 2050 mit den niedrigsten Kosten ergibt sich bei etwa 40 GW PV, 15% Abregelung und 15 GWh Batterien, einschliesslich 10% Nettoimporten (18 TWh im Winter), einem Anstieg der Stromerzeugung und -speicherung aus Wasserkraft um 10% (plus 1 TWh Saisonspeicher), einem Anstieg der Leistung der Pumpspeicherwerke (von 2.9 auf 5.7 GW) und einem Import von 5 TWh synthetischen Energieträgern (E-Fuels) zur Stromerzeugung.
  • Die benötigten 10 – 85 GWh an Batterien scheinen realistisch, da mit der weiteren Verbreitung der Elektrofahrzeuge etwa 200 GWh an Batteriespeichern zur Verfügung stehen werden. Der Zugriff auf 10% dieser Speicher mit bidirektionalen Ladesystemen würde den Bedarf an externer Speicherung erheblich reduzieren.
  • So unwahrscheinlich diese Konstellation auch sein mag: Der Inselbetrieb des Schweizer Netzes würde diese Kosten nur um durchschnittlich 7% erhöhen, er stellt keinen «Showstopper» dar.
  • Ohne Überdimensionierung und Abregelung wären die Produktionskosten im Durchschnitt aller Szenarien in den Verbundszenarien (mit Import) um 63% und in der autonomen Netzkonfiguration um 450% höher. Der Hauptfaktor für diesen Kostenunterschied ist die erforderliche Menge an neuen Batteriespeichern, die ohne PV-Überdimensionierung und Abregelung um 1300% bzw. 7500% höher wäre.
  • Welche Rahmenbedingungen es für einen aus volkswirtschaftlicher Sicht optimalen PV-Zubau in der Schweiz braucht, wurde in der Studie nicht untersucht.

Jan Remund, Leiter Energie & Klima, Meteotest AG
Bild: Shutterstock

Quelle: energeiaplus

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