Sonntag, 7. Juni 2020

Wärmewende ist machbar

Eine neue Studie der Wirtschaftsallianz «Wärmeinitiative Schweiz» zeigt, dass ein kompletter Ausstieg aus der fossilen Wärmeversorgung bis 2050 möglich und finanzierbar ist. Die Wärmewende kann gelingen, wenn die Rahmenbedingungen entsprechend gesetzt werden, so die Medienmitteilung der Wärmeinitiative. Das aktuell im Parlament diskutierte CO2-Gesetz gehe in die richtige Richtung. 

50% des Schweizer Endenergieverbrauchs wird für die Produktion von Wärme aufgewendet, 70% davon entfallen auf fossile, nicht erneuerbare Quellen[1]. Die Wärmeinitiative Schweiz (WIS), ein Zusammenschluss von Verbänden und Unternehmen der Wirtschaft der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz hat eine gross angelegte Studie in Auftrag gegeben, die zeigt, wie eine vollständige Dekarbonisierung des Wärmesektors bis 2050 gelingen kann. Unabhängig davon, ob die politischen Rahmenbedingungen mehr auf Anreize oder auf Vorschriften setzen – in beiden Szenarien ist die vollständige Umstellung auf eine erneuerbare und CO2-neutrale Wärmeversorgung in der Schweiz möglich. Bei beiden Szenarien ist ein ähnlicher Technologie- und Energiemix erforderlich. Dabei kommt nebst der Effizienzsteigerung auf allen Ebenen vor allem dem Wechsel von fossilen auf erneuerbare Energien eine hohe Bedeutung zu. Ein solcher Wechsel ist in den meisten Bereichen (Haushalte, Industrie, Gewerbe) kosteneffizient umsetzbar.

Effizientere Gebäude und ein breiter Technologiemix sind gefragt: Die Schweiz verbraucht aktuell rund 100 TWh Energie für Wärme. Die Autoren haben errechnet, dass sich der Energiebedarf dank Energieeffizienz-Massnahmen wie Gebäudeerneuerungen, Ersatz- und Neubauten sowie Dämmvorschriften auf 80 – 90 TWh reduzieren lässt. Die Analysen der Studie zeigen, dass die Schweiz ein Potenzial von mindestens 100TWh thermischer erneuerbarer Energie hat. Bei den Haushalten stellen effiziente elektrische Wärmepumpen den grössten Anteil an der Wärmeversorgung. Bei den Dienstleistungsgebäuden, also Büro- und Schulgebäuden, Läden, Spitälern etc., übernehmen Nah-, Umwelt- und Fernwärme sowie Holz den Löwenanteil der Wärmeversorgung. In der Industrie dagegen stammt die Wärme in einer erneuerbaren und CO2-neutralen Zukunft aus Nah- und Fernwärme sowie dem Wechsel auf Biogas und direkte Stromanwendungen. Letztere sowie dezentrale Wärmepumpen in Gebäuden und grosse Wärmepumpen bei der Nah- und Fernwärme führen auch zu einer erhöhten Stromnachfrage. Diese wird teilweise kompensiert durch den Wegfall von Elektroheizungen und -boilern sowie durch Stromeffizienzgewinne bei Gebäudetechnik, Geräten und Anlagen. Der Netto-Mehrbedarf lässt sich über den Zubau an Photovoltaik, die Nutzung von WKK-Anlagen auf Basis von Biomasse, die Optimierung und den Zubau von Speicherkapazitäten sowie den Import von Windstrom bereitstellen lässt.
 
Betrachtet man alle drei Sektoren gemeinsam, zeigen die Szenarien deutlich: Sämtliche erneuerbare Energiequellen sind nötig, um das Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen: Umweltwärme aus Luft, Gewässern, Erdreich und Geothermie, Abwärme aus KVA und ARA, Biomasse in Form von Holz und Biogas sowie erneuerbarer Strom zum Antrieb der Wärmepumpen. Keine der Technologien dominiert deutlich. Keine steuert mehr als 20% zur Deckung der Wärmenachfrage bei.

Finanzierbare Wärmewende: Die Dekarbonisierung des Wärmemarktes führt in der Übergangsphase 2020 bis 2050 netto zu direkten und indirekten Kosten von jährlich rund 1.5 Mrd. CHF. Darin enthalten sind nicht nur die direkten Investitionen, sondern auch die Aufwendungen bei den Netzen, bei der Speicherung und im Industriesektor. Diese Vollkostenrechnung berücksichtigt demnach alle direkten und indirekten Effekte. Im Vergleich zu den rund 13 Milliarden Franken, die die Schweiz jährlich für den Import fossiler Brennstoffe zahlt, sind die 1.5 Milliarden Franken eine sinnvolle Investition, die für eine zusätzliche inländische Wertschöpfung sorgt. Für die Wirtschaft als Ganzes bringt die Dekarbonisierung des Wärmemarktes eine Zunahme der Wertschöpfung. Die Anzahl der Beschäftigten nimmt in beiden Szenarien insgesamt um gut 4000 Vollzeitäquivalente zu.

Neues CO2-Gesetz stellt die Weichen richtig: Die Wärmewende ist machbar und wirtschaftlich tragbar. Damit sie gelingen kann, müssen auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene verschiedene Massnahmen und Instrumente beschlossen werden. Das neue CO2-Gesetz, wie es aktuell im Parlament diskutiert wird, geht in die richtige Richtung. Längerfristig sind aber weitere Massnahmen notwendig. So empfehlen die Autoren eine schrittweise Erhöhung der CO2-Abgabe bis 2030 auf 300CHF/t CO2. Diese Erhöhung soll an ein vorausschauendes Verbot fossiler Heizungen gekoppelt werden (befristete Betriebsbewilligung). Das Gebäudeprogramm und damit die finanzielle Förderung von Massnahmen an der Gebäudehülle und in der Gebäudetechnik soll weiter ausgebaut werden. Die Energieeffizienz von Gebäuden gilt es weiter zu steigern. Den Kantonen und Gemeinden empfehlen die Autoren ihre Energiekonzept-Planungen konsequent auf das Netto-Null Ziel auszurichten und diese verbindlich auszugestalten. So können die wichtigen Grundlagen für den Ausbau von Nah- und Fernwärmenetzen geschaffen werden. Thermische Netze sind dort, wo sie verfügbar sind, zentral für die Dekarbonisierung des Wärmesektors. Mit Massnahmen wie rollierenden Fonds, zinslosen Darlehen oder Investitions- und Risikogarantieren können Kantone den Ausbau weiter fördern. Damit kann es gelingen, zusammen mit den lokalen Energieversorgungsunternehmen die Energiewende zu schaffen.

Weitere Informationen sowie die Studie siehe Website www.waermeinitiative.ch.

[1] Gesamtenergiestatistik BFE 2018, Statistik der erneuerbaren Energien BFE 2017

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