Mittwoch, 8. Januar 2020

Auf dem Weg Netto-Null

Was heisst «Klimaangepasste Technik»? So das Thema des ersten Energieforums 2020 in Zürich von Dienstagabend. Im Klima-/Energiebereich bedeutet sie in erster Linie eine Technik, die der notwendigen Sektorenkoppelung gerecht wird. 

Gutbesuchte erste Jahresveranstaltung
des Energieforums Zürich mit rund
200 Interessierten Baufachleuten
(Bild vergrössern mit Klick auf dieses)
Mehr Erklärungsbedarf: Mit Energie- Sektoren sind im wesentlichen die Bereiche Verkehr, Gebäude, Industrie/Haushalte gemeint. Und insgesamt wird die Klimaproblematik nur zu lösen sein, wenn all diese Bereiche gemeinsam gedacht werden – wenn also beispielsweise die Elektro-Mobilität mit den notwendigen Stromspeichern durch die Solaranlage eines Gebäudes gespiesen wird und der gespeicherte Strom allenfalls später auch für das Gebäude und nicht nur das Fahrzeug wieder zur Verfügung steht.

Eine derart gestrickte Energieversorgung wird gemäss dem ETH-Forscher Gianfranco Guidati ermöglichen, dass die Energieversorgung der Schweiz mit Netto-Null-Emissionen (also einer insgesamt ausgeglichenen CO2-Bilanz ohne zusätzliche Emissionen) auskommen wird. Dieses Bilanzierungsziel hatte im 2019 Bundesrätin Sommaruga im Namen des Gesamtbundesrats ausgegeben, unvermittelt und einigermassen überraschend. Alle Gegner der Energiestrategie 2050 (angenommen in der Volksabstimmung von vor bald drei Jahren) sahen sich unvermittelt weiter in die Ecke gedrängt, schlagen seither aber um so wilder um sich, etwa mit der Forderung, für den Klimaschutz eben doch neue Atomkraftwerke (AKW) zu errichten. Aber es geht auch anders, sowohl in der Theorie wie auch in der Praxis. Guidati ist derzeit mit einem Forscherteam daran, Modelle für das Energiesystem zu entwerfen, die den CO2-Ausstoss minimieren.

Fazit der ETH-Forschung: Es braucht grosse Mengen an Photovoltaik – also sehr viele Anlagen, um Solarstrom zu erzeugen (Anmerkung von Solarmedia: für die Winterstromerzeugung vor allem auch in den Bergen, wie man sich anhand der aktuellen Wettersituation ausmalen kann). Sodann: Der Strombedarf steigt mit der Sektorkoppelung (siehe oben: E-Auto-Mobilität). Der Sommer- / Winterausgleich erfordert den Aufbau eines Systems der Wasserstoff-Elektrolyse sowie der Speicherung. Und schliesslich: Wo allenfalls sogar negative Emissionen (also die zusätzliche und dauerhafte Bindung von CO2) angestrebt sind, bräuchte es eine unteridische CO2-Lagerung. Kein Hehl machte Guidati daraus, dass diese vier Säulen eines neuen schweizerischen Energiesystems kaum völlig autark zu errichten sind. Realistischer und auch kostengünstiger ist die Einbettung in ein gesamteuropäisches Energiesystem, das beispielsweise den Bezug von Wasserstoff aus Norwegen sowie die dortige CO2-Speicherung einbezieht.

Solaranlage Grünmatt, die rechnerisch
den Strombedarf des Anergienetzes
abdeckt (467 Kilowatt peak)
Vergrössern mit Klick auf Bild !
Die Praxis erläuterte Matthias Kolb, Geschäftsleitung, anex Ingenieure AG anhand des Anergienetzes Friesenberg Zürich – in der zugehörigen Genossenschaft wohnt übrigens auch der Autor dieses Solarmedia-Beitrags. Die Familienheim-Genossenschaft FGZ hat mit ihren rund 5500 Einwohner*innen, einer Energiebezugsfläche von 190'000 m2 und 2300 Wohneinheiten eine neue und weitgehend CO2-freie Wärmeversorgung aufgegleist, die derzeit etwa zur Hälfte bereits realisiert ist. Dabei wird Abwärme der beiden grossen benachbarten Rechenzentren sommers in zwei neu erstellte Erdsondenfelder eingebracht – und steht via Wärmepumpen im Winter zur Beheizung und Warmwasseraufbereitung der Liegenschaften zur Verfügung.
Und die Kosten? Nach Angaben von Matthias Kolb bewegen sie sich bei rund 18 Rappen pro Kilowattstunde Wärme. Das ist derzeit zwar mehr als ölerzeugte Wärme beim immer noch tiefen Ölpreis – doch über die Dauer der Anlage wird dieser vermutlich höher zu liegen kommen und das Projekt für die Wärmebezüger auch finanziell ein Gewinn. Abgesehen davon, dass die FGZ-Bewohner*innen schon heute wissen, dass sie dank einer klimaangepassten Wärmeversorgung einen bedeutsamen Beitrag zur Klimapolitik leisten.

© Solarmedia - Text und Bilder 

^^^ Nach oben

1 Kommentar: