Montag, 17. März 2014

Mehr als 100 EE-Gesetze weltweit

Kein deutsches Gesetz ist wohl weltweit jemals so oft übernommen oder nachgeahmt worden, wie das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) - in der Schweiz unter dem Stichwort Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) bekannt.

Kein Gesetz ist auch dermaßen angefeindet und schlecht geredet worden wie das EEG (siehe das jüngste EFI-Gutachten). Trotzdem gab es Anfang 2013 schon insgesamt 99 Gesetze auf nationaler oder regionaler Ebene, die das deutsche EEG zum Vorbild, es entweder mehr oder weniger übernommen, oder an ihre Verhältnisse angepasst haben. Diese Zahl steht im anerkannten Global Status Report Erneuerbare Energien 2013 von REN 21 – die einzelnen Länder sind mit Erläuterungen auch auf der Seite WindWorks von Paul Gipe zu finden. Weil immer wieder Zweifel an den Zahlen verbreitet werden, dokumentiert Solarify die Statistiken.

Der Feed-in-Tariff (FiT, Einspeisevergütung) ist nach wie vor die am weitesten verbreitete Förderungspolitik regenerativer Stromerzeugung auf nationaler und staatlicher, bzw. regionaler Ebene (siehe Bild einer PV-Anlage in Zürich-Örlikon). Anfang 2013, so der GSR Erneuerbare Energien von REN 21 (S. 68), haben “71 Länder und 28 Staaten, bzw. Provinzen irgendeine Form von Einspeisungsvergütung.Entwicklungsländer stellen inzwischen die Mehrheit der Länder mit geltenden Feed-in Tariffs, und für die fünf neuen FiTs, die 2012 eingeführt wurden. Nigeria, die Palästinensischen Gebiete, Ruanda und Uganda führten Anfang 2012 neue FiTs ein. Jordanien verabschiedete Ende 2012 einen neue Einspeise-Tarif zur Ergänzung des Erneuerbaren-Energien- und des Energieeffizienz-Gesetzes, die Anfang 2012 eingeführt worden waren”. 

Erneuerbaren-Experte Toby D. Couture, Gründer und Direktor der Berliner E3 Analytics (nach eigener Aussage eine “independently-owned and operated consultancy”), fügte der Liste jüngst noch die Philippinen, Tansania, Peru und, so wörtlich “ein paar mehr” hinzu.  Natürlich gebe es auch Länder, die ihre Politik verändert hätten. Dennoch könne man sagen, “es gibt mehr als 100 Länder, die von Deutschland beeinflusst wurden”. Insgesamt haben inzwischen fast 140 Länder Erneuerbaren-Ziele für sich definiert (siehe Grafik links – Unterschied zwischen 2005 und 2013) – mindestens 127 fördern auf irgendeine Weise die erneuerbaren Energien.

Der mehrfach ausgezeichnete Amerikaner Paul Gipe hat zahlreiche Veröffentlichungen über erneuerbare Energie verfasst und ist gefragter Vortragsredner zum Thema Windenergie und Umweltbelastung. 2009 erschien sein jüngstes Buch Wind Energy Basics: A Guide to Home- and Community-scale Wind Energy Systems (Chelsea Green). 2004 arbeitete Gipe als Direktor der Ontario Sustainable Energy Association, wo er eine Kampagne für Erneuerbaren-Tarife organisierte, um europäische Energieversorgung-Gesetze im nordamerikanischen Markt einzuführen. Bereits 1998 forderte Gipe ein Einspeisungsgesetz  für die USA.

Die Tabellen

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat soeben eine Studie zur Erneuerbare-Energien-Förderung veröffentlicht: "EE-Förderinstrumente und Risiken: Eine ökonomische Aufarbeitung der Debatte zur EEG-Reform"
Quelle: Agentur Zukunft  2014 / Bild: Guntram Rehsche

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Sonntag, 16. März 2014

Preissturz bei Solarstrom

Auch in der Schweiz ist es in den letzten Jahren viel billiger geworden, via Photovoltaik Solarstrom zu erzeugen. In Texas (USA) gehen demnächst zwei Solarkraftwerke ans Netz, die den wohl günstigsten Sonnenstrom der Welt liefern - ein Bericht aus der grünen Abteilung der Zeitschrift Wirtschaftswoche, die sonst konventionelle Wirtschaftsnews liefert.

Dass die Preise für Solarstrom in den USA im freien Fall sind, ist schon länger zu beobachten. Kostete noch im Jahr 2010 die Kilowattstunde Sonnenenergie aus großen Freiflächen-Anlagen durchschnittlich 21,4 Dollarcent, so waren es vergangenes Jahr nur noch 11,2 Cent. Ein Preissturz bei Solarstrom um 48 Prozent. Jetzt gehen in Texas zwei Solaranlagen ans Netz, die Strom für unglaubliche 3,5 Eurocent pro Kilowattstunde liefern sollen (etwas weniger als fünf Dollarcent). In Deutschland kostet Solarstrom aus großen Freiflächenanlagen derzeit im günstigsten Fall rund acht Eurocent. Der Hintergrund: Der lokale Energieversorger der Stadt Austin, Austin Energy, hat vor einigen Monaten eine Ausschreibung für zwei Solarkraftwerke mit einer Leistung von 150 Megawatt gestartet. Das günstigste Angebot lieferte der Solarriese SunEdison. Austin Energy verpflichtet sich, den Strom für 25 Jahre abzunehmen.

Die Gründe, warum die Solarenergie in Texas so günstig ist, sind vielfältig. Einmal gewährt die US-Regierung dem Betreiber Steuererleichterungen. Ohne diese würde die Kilowattstunde aus den texanischen Solarparks schon 5,8 Eurocent kosten, was aber immer noch sehr günstig ist.
Die starke Sonneneinstrahlung in Texas tut ihr übriges, außerdem senkt die 25-jährige Abnahmedauer den Preis. 

In Deutschland erhalten Solaranlagen derzeit eine Vergütung über 20 Jahre. Außerdem sind die Kosten sehr niedrig, um Land in Texas zu pachten, da es sich meist um nicht nutzbare Wüsten- oder Prärieflächen handelt.
Interessant ist: Laut Aussagen von Austin Energy waren alle 30 Angebote, die von Solarprojektierern für die Ausschreibung kamen, nur unwesentlich teurer als das Angebot von SunEdison. Auch die Kosten, die Austin Energy für ihre anderen Energiequellen veröffentlicht hat, sind durchaus spannend:
Windenergie: zwischen 2 und 2,7 Eurocent pro Kilowattstunde (auch hier greifen Steuererleichterungen der US-Regierung)
Erdgas: 5 Eurocent pro kWh
Holzpellets: zwischen 6,4 und 11,5 Eurocent pro kWh
Kohleenergie: 7,2 Eurocent pro kWh
Atomstrom: 9,4 Eurocent pro kWh
Solarpark, Baujahr 2009: 12 Eurocent pro kWh

Quelle Text und Bild: Wirtschaftswoche Green 

Donnerstag, 13. März 2014

Solarworld ist Gigawatt-Produzent

Mitte Woche übernahm die deutsche SolarWorld AG die Zell- und Modulfertigung von Bosch Solar Energy im thüringischen Arnstadt. SolarWorld erhöht damit seine Fertigungskapazitäten auf über ein Gigawatt über die gesamte Wertschöpfung. 

Der Konzern wird damit zum größten Hersteller von Solarstromtechnologie außerhalb Asiens. Dr.-Ing. E.h. Frank Asbeck, Vorstandsvorsitzender der SolarWorld AG: "SolarWorld ist der Gegenpol zur Solarfertigung in China. Wir setzen auf hochautomatisierte Produktion, minimale Fehlerquote und höchste Qualität. Die Fertigungen von Bosch Solar Energy passen perfekt zu uns. Der Qualitätsanspruch von Bosch entspricht unseren Werten. Gleiches gilt für die hohen Umwelt- und Sozialstandards, denen wir uns verpflichtet haben.“

Technologisch setzt sich SolarWorld gemäss eigenen Angaben in der weltweiten Solarindustrie nach ganz vorne. Durch Zusammenführung der Entwicklungen von SolarWorld und Bosch Solar Energy will der Konzern den Sprung in eine neue Leistungskategorie für Hocheffizienzmodule über 300 W ermöglichen. Das entspricht rund 20 Prozent mehr Solarstromerzeugung auf der gleichen Fläche und damit einer weiteren drastischen Kostensenkung. SolarWorld ist bereits führend in der Anwendung der PERC-Zelltechnologie zur Verbesserung der Solarausbeute, die jetzt auch in Arnstadt zum Einsatz kommen wird. Die Übernahme der Bosch-Solar Fertigung in Arnstadt schließt sich an die finanzielle Restrukturierung des SolarWorld-Konzerns an, die Ende letzten Monats erfolgreich vollzogen werde konnte. Somit steht der Solarkonzern als einer der wenigen weltweit wieder auf soliden finanziellen Füßen. 


Anfang 2013 hat Bosch erklärt, sich aus der Produktion von Hocheffizienzsolarmodulen zurückzuziehen. Aus einem langen und verantwortungsvollen Auswahlverfahren ging SolarWorld als das Unternehmen hervor, das Bosch ein tragfähiges industrielles Konzept und eine langfristige Orientierung für dieses Geschäft bieten konnte. SolarWorld will die Solartechnologie made in Germany wieder zum Erfolg führen. Nun wechseln rund 800 Beschäftigte in Arnstadt von Bosch zu SolarWorld. Die Vereinbarung zwischen Bosch und SolarWorld sieht vor, den Betrieb des Standortes Arnstadt über Jahre zu sichern und die Arbeitsplätze in der Region zu belassen. 

Quelle: Solarworld

Mittwoch, 12. März 2014

Zum Durchbruch verhelfen

Drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erschließen die regenerativen Energien weltweit neue Märkte. „Der Ausbau hat an Fahrt gewonnen. Das ist gut für Klima und Wirtschaft, angesichts eines weiter wachsenden Energiebedarfs in Schwellenländern und steigenden Klimagasemissionen aber noch nicht gut genug“, sagt Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). 

Zwar haben die Erneuerbaren Energien schätzungsweise 1.700 GW der weltweit installierten Kapazität zur Stromerzeugung auf sich vereint. Gleichzeitig ist aber der fossile Anlagenpark weiter stark gewachsen. „Strukturelle Hemmnisse für den Ausbau der Erneuerbaren Energien bestehen nicht nur aufgrund der Marktverzerrungen zugunsten fossiler Energieträger, sondern auch durch Vorurteile gegenüber den Erneuerbaren, die es auszuräumen gilt“, betont Vohrer.
 
Erschwert wird das Wachstum der Erneuerbaren im globalen Maßstab durch die massive Förderung fossiler und nuklearer Technologien. Laut Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) erreichten die Subventionen für fossile Energien 2012 544 Milliarden Dollar - gegenüber rund 100 Milliarden Dollar an staatlicher Förderung für die Erneuerbaren. Hinzu kommen die immensen Umweltschäden durch konventionelle Energien, die auf den Rechnungen der Verbraucher unberücksichtigt bleiben. „Für Deutschland wie für andere Staaten gilt es, parallel zum Ausstieg aus der massiv subventionierten Atomenergie auch die Abhängigkeit von fossilen Energien abzuschütteln“, unterstreicht Vohrer.

Nach IEA-Angaben erhöhte sich die weltweite Kohleförderung in den letzten zwanzig Jahren um mehr als 70 Prozent. In Deutschland wurden 2013 laut Angaben der AG Energiebilanzen 162 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. KWh) Braunkohlestrom produziert - so viel wie seit 1990 nicht mehr. Der Nettoexport von Strom aus Deutschland erhöhte sich auf fast 34 Mrd. kWh. „Die Nutzung fossiler Energien muss endlich fair bepreist werden, damit ein stärkerer Anreiz zum Umstieg auf die Erneuerbaren besteht. Das gilt für Deutschland wie für andere Staaten“, fordert AEE-Geschäftsführer Vohrer.


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Auf dem Strommarkt sind die Erneuerbaren Energien - gemessen an der installierten Leistung - global die mit Abstand am stärksten wachsende Größe. Sie tragen mittlerweile mehr als die Hälfte des Zubaus zur Stromerzeugungskapazität bei. Die Entwicklung der letzten Jahre macht aber auch deutlich: Für ein starkes Wachstum der Erneuerbaren Energien werden stabile Rahmenbedingungen gebraucht. Andernfalls gerät der Ausbau ins Stocken, wie es beispielsweise die Entwicklung in einigen Staaten Südeuropas - bedingt durch abrupte Förderstopps - gezeigt hat.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit seinen Einspeisevergütungen hat viele Nachahmer gefunden. Weltweit haben sich mehr als 90 Staaten und Provinzen für vergleichbare Fördermodelle entschieden. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat Japan ebenfalls Einspeisevergütungen für Strom aus Erneuerbaren Energien eingeführt. Der AEE-Geschäftsführer warnt davor, sich auf dem Erreichten auszuruhen. „Deutschland gilt mit seinem Ausbau Erneuerbarer Energien zwar als Vorbild. Doch über diesen Erfolgen des EEG im Stromsektor darf nicht vergessen werden, dass die Energiewende im Wärme- und Verkehrsbereich bislang nur schleppend verläuft oder sogar stagniert - und das obwohl der Energiebedarf für Mobilität und Heizen rund drei Viertel zum gesamten Endenergieverbrauch in Deutschland beiträgt“, so Vohrer.


Über die Vorteile der Erneuerbaren Energien in allen drei Sparten - Strom, Wärme und Verkehr - informiert die AEE auf www.unendlich-viel-energie.de. Nach dem Relaunch ihrer deutschen Website hat die AEE ihre englischsprachige Website www.renewables-in-germany.com wieder freigeschaltet, auf der Basisinformationen zu den Erneuerbaren Energien ebenso abrufbar sind wie Infografiken der AEE und Hintergrundpapiere. Die Präsenz wird laufend erweitert. Ein Papier in der Reihe „Renews Kompakt“ weist als „Background Paper“ auf die Vorzüge von Einspeisevergütungen gegenüber Quotensystemen hin. Letztere haben sich als kostspielig und ineffizient für den Ausbau der Erneuerbaren Energien erwiesen. Ebenfalls abrufbar auf www.renewables-in-germany.com ist die Broschüre „Der volle Durchblick in Sachen Erneuerbare Energien“ auf Japanisch. Die Aus¬gabe entstand mit freundlicher Unterstützung der deutschen Botschaft in Tokyo.

Kontakt:
Agentur für Erneuerbare Energien
Alexander Knebel
Pressereferent
Tel:   030-200535-52
Mail: a.knebel@unendlich-viel-energie.de
www.unendlich-viel-energie.de

Dienstag, 11. März 2014

11. März: Fukushima und kein Ende

„Die Lage in Fukushima ist unter Kontrolle“, versichert Japans Ministerpräsident Shinzo Abe bei der Vergabezeremonie für die Olympischen Spiele beruhigend. Der gegenwärtige Regierungschef Japans hat auch den von seiner Vorgängerregierung angekündigten Ausstieg aus der Atomenergie bis 2040 wieder rückgängig gemacht. Sogar neue Atomkraftwerke sind in Japan geplant. Ein Kommentar zum 3. Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima mit dem Fazit: Alle Erfahrungen seit der Katastrophe am 11. März 2011 in Fukushima sprechen gegen die Atomenergie:
  • Jeden Tag fließen noch immer mehr als 200.000 Liter radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifischen Ozean.
  • Kontaminierte Böden finden sich auch weit entfernt vom Ort der Katastrophe.
  • Bis jetzt mussten 33 Kinder aus der Fukushima-Region gegen Schilddrüsen-Krebs operiert werden, 41 weitere Kinder stehen unter Krebsverdacht. Bei 55.000 Kindern wurden bei Untersuchungen Schilddrüsenzysten oder –Knoten festgestellt. Sie müssen nicht zu Krebs führen, aber sie können.
  • Die Ärzteorganisation IPPNW erwartet zwischen 22.000 und 66.000 Krebsfälle aufgrund der Erfahrungen in Tschernobyl. Diese Schätzungen basieren auf Daten der Weltgesundheitsorganisation.
  • Die radioaktive Verstrahlung ist zehnmal höher als bislang von der Betreiber-Firma Tepco angegeben.
  • Noch immer sind 140.000 Einwohner der Präfektur Fukushima evakuiert.
  • Mehr als 50 US-Soldaten, die im März 2011 auf einem Marineschiff in der Nähe von Fukushima im Einsatz waren, sind in der Zwischenzeit schwer erkrankt. Sie leiden an Leukämie und verklagen Tepco auf Schadenersatz.
Diese Fakten zeigen, dass auch drei Jahre nach der Katastrophe ein Ende der Schreckensmeldungen nicht absehbar ist. Die Erfahrungen früherer Atomunfälle machen vielmehr deutlich, dass die schlimmsten Folgen von Fukushima nicht hinter uns, sondern vor uns liegen. Hisayo Takada von Green Peace Japan sagt: „Die Leiden der Bevölkerung werden von der japanischen Regierung ignoriert. Bis heute tut die Regierung so als wäre die Krise vorbei. Es wird bewusst falsch informiert und den Opfern erzählt, dass sie irgendwann in ihre Häuser zurückkehren könnten. Das Kalkül dahinter ist klar: So müssen Kompensationszahlungen nicht zur Verfügung gestellt werden.“

Die Fukushima-Opfer leben bis heute in temporären Behausungen und wurden bisher nicht angemessen entschädigt.

Ein Beweis für die hilflose Reaktion der japanischen Regierung auf die Katastrophe ist die Politik der Grenzwerterhöhung. Und die ging so: Bis März 2011 galt ein Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilogramm als gefährlich. Nach der Katastrophe wurden die Grenzwerte jedoch auf 8.000 angehoben. So wollte man die verängstigte Bevölkerung in Sicherheit wiegen.

Nach dem Unfall wurden alle 52 japanischen AKW vorübergehend abgeschaltet. Doch in der Zwischenzeit wollte die japanische Regierung die ersten Kraftwerke wieder ans Netz bringen, scheiterte aber überall am Widerstand der regionalen Bevölkerung. Über 65% der Japaner sprechen sich jetzt bei Umfragen gegen Atomenergie aus. Vor der Katastrophe waren es weniger als 40%.

Es gab Anti-AKW-Demos mit über 100.000 Teilnehmern. Die Bewegung „Sayonara genpatu“ („Tschüss Atomkraft“) sammelte über 7,5 Millionen Unterschriften gegen Atomenergie. Jede Woche gibt es „Freitagsdemonstrationen“. Die Reaktorkatastrophe hat Japan verändert. Aber noch nicht ausreichend, um einen dauerhaften Atomausstieg wie in Deutschland politisch durchzusetzen.

Wie ist das möglich?
Der Hauptgrund ist das sogenannte „Atom-Dorf“ in Japan: So wird die Verfilzung von Stromkonzernen, Politik, Bürokratie, Medien, Wissenschaft und Kraftwerksbauern genannt. Hinzu kommen die Interessen der Kapitalanleger, die mehr an ihrer Rendite als an der Sicherheit ihres Landes interessiert sind. Die japanische Atomindustrie dient nicht in erster Linie der Erzeugung von Strom, sondern primär den Interessen des Kapitals. Und solange die Allgemeinheit die Folgekosten wie Unfälle oder gar die Entsorgung des Atommülls trägt, ist Atomstrom billiger als Erneuerbare Energie. Noch. Deshalb sind AKW unter dem vorherrschenden kapitalistischen Wachstumszwang ein attraktives Investitionsziel.

Greenpeace Japan hat herausgefunden, warum im Sommer 2012 das bis dahin abgeschaltete Kernkraftwerk Oi an der Japansee wieder ans Netz ging. Es war der Druck der 18 Großaktionäre, darunter 15 Großbanken, die allesamt nicht auf ihre Rendite verzichten wollten. Aber noch stärker war dann der Druck der Bevölkerung. Auch Oi musste inzwischen wieder abgeschaltet werden. Auch in Japan verstehen immer mehr Menschen, dass der Kampf gegen die Atomkraft ein Kampf für das Leben ist. Auch in Japan verwandelt sich Wut in Protest gegen die alte Energiewirtschaft. Deshalb boomen in Japan seit drei Jahren die Solarenergie und die Windbranche.

Verdrängen, vertuschen, verleugnen: diese Politik der Regierung geht auch im obrigkeitsorientierten Japan heute nicht mehr auf. Täuschen, tricksen, drohen aus Profitinteressen: auch in Japan durchschauen viele Menschen die Machenschaften der Profiteure. Auch wenn die Regierung wieder auf Atomkurs ist oder vielleicht gerade deshalb: Die Menschen haben gelernt, dass atomares Restrisiko exakt jenes Risiko ist, das uns jeden Tag den “Rest“ geben kann. Deshalb heißt es nämlich genau so.

Diese Entwicklung in Fernost ist ein Symbol für die weltweite Entwicklung der Atomenergie. Sie hat ihren Zenit überschritten. Die auch hierzulande oft zu hörende Mär von der „Renaissance der Atomenergie“ ist leicht durchschaubares Wunschdenken der Atomlobby und der Ewiggestrigen. Weltweit wurde die größte Menge Atomstrom 2006 erzeugt, die meisten Atomkraftwerke wurden 2002 betrieben und bereits 1993 war der höchste relative Anteil der Atomenergie an der kommerziellen Stromerzeugung mit 17% erreicht. Heute beträgt er unter zehn Prozent.

Es lohnt sich jetzt rein wirtschaftlich nicht mehr, neue AKW zu bauen. Die englische Regierung versucht es gerade, braucht aber höhere Einspeise-Vergütungen für Atomstrom als für Sonnen- oder Windkraft, damit sich AKWs noch rechnen. Die Europäische Kommission hat Einspruch angemeldet. In Finnland verzögert sich der Bau eines neuen AKW seit vielen Jahren, weil private Betreiber die Kosten scheuen und der Staat vor zu hohen Subventionen zurückschreckt.

Weltweit steigt der Anteil der Erneuerbaren und der Anteil der atomaren Stromversorgung sinkt. An dieser Entwicklung wird aus Gründen der Sicherheit, aber auch aus ökonomischen und ökologischen Gründen mittel- und langfristig kein Weg vorbeiführen. Denn die Erneuerbaren werden von Jahr zu Jahr preiswerter, während wegen der zu Ende gehenden Ressourcen die alten fossil-atomaren Energieträger immer teurer werden müssen. Selbst die atomfreundliche Regierung in Tokio hat nach Fukushima die Sicherheitsauflagen für japanische AKW so erhöhen müssen, dass auch dort die Betreiber wegen der immer höher werdenden Kosten stöhnen.

Ich habe einmal in einer Fernsehsendung ironisch gefragt: „Was kostet es, einen Pförtner zu bezahlen, der eine Million Jahre lang ein Atommülllager bewachen muss?“. Ein kluger deutscher Mathematik-Professor hat mir dann diese Rechnung aufgemacht:  Wenn dieser Pförtner eine Million Jahre pro Monat 2.500 Euro verdient und mit einer Inflationsrate von nur zwei Prozent gerechnet wird, dann kostet dieser Pförtner mehr Geld als alle Menschen der ganzen Welt heute insgesamt zur Verfügung haben. Billiger Atomstrom? Es darf gelacht werden. Auch in tausend Jahren schicken Sonne und Wind noch immer keine Rechnung. Die Erneuerbaren sind ein Geschenk des Himmels - Energie von ganz, ganz oben. Energie vom Chef selbst.

In Ländern wie China, Russland oder Großbritannien werden zwar noch neue AKW angekündigt, aber kaum noch gebaut. China hat 2013 erstmals mehr Geld in erneuerbare Energieanlagen investiert als in alle fossil-atomare Energieträger zusammen. Nicht nur Deutschland, auch Indien, Japan und Spanien produzieren inzwischen mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als mit Hilfe atomarer Spaltung.

Ein elftes Gebot scheint sich jetzt weltweit durchzusetzen: du sollst den Kern nicht spalten!

Montag, 10. März 2014

Photovoltaik mit voller Konzentration

Die Entwicklung der Photovoltaik ist längst noch nicht abgeschlossen. Die Preise sinken und das äußere Erscheinungsbild reicht heute von Textilien mit Dünnschichtzellen bis hin zu großen Freiflächenanlagen auf Siliziumbasis. Auch bei der Technik geht es weiter voran. 

Das BINE-Projektinfo „Photovoltaik mit der Energie von tausend Sonnen“ (02/2014) [PDF 1,3 MB] stellt Module aus Mehrfachsolarzellen vor, die mit optischen Konzentratorsystemen kombiniert sind und der Sonne nachgeführt werden. Dieses Konzept fokussiert das Sonnenlicht bis maximal zum Tausendfachen und eine Rekordsolarzelle erreichte im Labor einen Wirkungsgrad von 44,7 %.

Bei einer Mehrfachsolarzelle werden Schichten verschiedener Halbleitermaterialien übereinander gestapelt. Heutiger Standard ist die Dreifachzelle, die aus drei Teilzellen besteht. Jede von ihnen kann einen anderen Spektralbereich des einfallenden Sonnenlichts in Strom umwandeln. Durch das Zusammenwirken der Teilzellen erreicht die gesamte Zelle ihre hohe Leistung. Da die Herstellung von Mehrfachsolarzellen aufwendig und teuer ist, werden die Zellen noch mit fokussierenden optischen Systemen kombiniert. Dazu werden vergleichsweise preiswerte Spiegelsysteme oder Fresnellinsen eingesetzt. Im Ergebnis entsteht ein hocheffizientes Modul zu konkurrenzfähigen Kosten, das sich besonders für Regionen mit einem hohen Anteil direkter Sonneneinstrahlung eignet.

Das Forschungsprojekt wird vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme gemeinsam mit Industriepartnern durchgeführt. Mittlerweile ging auch eine industrielle Fertigungsanlage für diese Zellen in Betrieb.